Empfehlung Heimatmuseum Haimhausen

1,5-mal pro Tag greift jeder Deutsche zum Papiertaschentuch. Er verbraucht im Jahr 550 Stück der praktischen Wegwerftücher.

Fernsehsendung „Galileo“, gesendet 17.10.2014

 

Tempo statt Eleganz

Papiertaschentücher bestehen aus Zellstoff [holzfreies Papier], der durch Kochen von Holzschnitzeln in Chemikalienlösungen gewonnen wird. Zur Herstellung von 1t benötigt man 2t Holz, 250.000 l Wasser und 1.000 KW/h Energie und erhält große Mengen verschmutzten Wassers. Die Farbe von Rohzellstoff ist aufgrund des Holzstoffs Lignin bräunlich. Durch Bleiche wird das Lignin entzogen. Papiertaschentücher verfügen über zwei weiche Außenlagen aus kurzen Birken- und Eukalyptusfasern sowie zwei festen Innenlagen aus langfaserigem Fichten- und Kiefernholz.

Zwei Marken prägen die Geschichte: Tempo und Kleenex. Sie sind in ihrer jeweils eigenen Hemisphäre zum Synonym für das Papiertaschentuch geworden. Erfunden wurde das Papiertaschentuch jedoch schon während der Han-Dynastie [206-220 n. Chr.] in China.

Die Anfänge des Papiertaschentuchs in Deutschland liegen im Jahre 1894, als die Göppinger Papierfabrik G. Krum ein kaiserliches Patent mit der Nr. 81094 für ein glyceringetränktes Papiertaschentuch, gedacht für den einmaligen Gebrauch, erhielt.

Am 29. Januar 1929 meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt Berlin ein Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff unter dem Namen Tempo an. Wer das Zellstofftuch und den Markennamen Tempo erfunden hat, ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass es der damalige Mitinhaber Oskar Rosenfelder war. Zu Anfang wurde das Papier in Heimarbeit oder in Wohlfahrtsstätten gefaltet und im Werk in Pergamin-Folie verpackt. Nach anfänglich verhaltenem Erfolg konnte man 1933 schon 35 Millionen Stück absetzen. Im selben Jahr mussten die Gebrüder Rosenfelder nach England fliehen und ihr Betrieb wurde arisiert. 1935 ging er in den Besitz des Fürther Unternehmers Gustav Schickedanz über. Die Produktion wurde streitig gesteigert und erreichte im Jahre 1939 400 Millionen Tempo-Tücher. Dies war auch das Jahr, in dem der Packungsinhalt auf 20 Stück aufgestockt und der Packungsaufdruck in Blau auf weißem Grund geändert wurde, nachdem er vorher blau, rot und grün war.[1]

TempoBeide

Foto: Tempo-Packung, 1939, Privatbesitz

[1] Markus Kuchler, Tempo statt Eleganz. Das Papiertaschentuch und die Gesellschaft – Die Kultur eines Gebrauchsguts, Regensburg 1999

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